HISTORISCHE BAUSUBSTANZ NICHT ZERSTÖREN

Ein Beitrag von Werner A. Friedrich

Das "Neue Kurhaus" - Noch immer fehlt jede Parspektive. (Foto: M. Zimmermann/Archiv))

WERNER A. FRIEDRICH: Bad Wildunger – an Kultur interessierter – Bürger, seit 1965 wohnhaft in Bad Wildungen; Werkzeugmacher, Kunst-, Werk-, Musik- und Politiklehrer, OStr. i. R.; Gründer und Leiter der WILDUNGER MUSIK-WERKSTATT

Die folgenden Gedanken wurden von mir als Tischvorlage am 11. Juni 2018 vor einer Begehung des Kurhaus-Areals durch die Kulturkommission Bad Wildungens vorgetragen. Jedes Mitglied erhielt eine Abschrift. (Fortschreibung am 19. Juni 2018)
Als Mitglied der Kultur-Kommission sehe ich mich motiviert, zum Erhalt des Kurhauses Stellung zu beziehen.

Gedankensplitter zur Diskussion um das Kurhaus-Areal
Oder: Warum es sich verbieten sollte, nach so kurzer Zeit der Existenz, ein ästhetisch ansprechendes Gebäude der POSTMODERNE in einer Kurstadt abzureißen

Das KURHAUS, ein postmodernes Gebäude – ein Beispiel für gelungene Kurstadt-Architektur- ist inzwischen zu „historischer Bausubstanz“ geworden.
Es ergänzt auf angemessene Weise die glücklicherweise noch vorhandenen, durch Renovierungsmaßnahmen geretteten Einzel- und Ensemble-Leistungen der Gründerzeit- Architektur insbesondere im Bereich der Hufelandstraße.
Auch in der jüngeren Geschichte sind sehr gelungene Restaurierungen zu konstatieren, z.B. in besagtem Straßenzug aber auch ebenso am Beginn der Dr. Born Straße.
Außerdem gibt es sinnvolle Restaurierungen und stilvolle Ergänzungen der Rappold Kurparkbauten aus den 1950er Jahren.
Man fragt sich, warum nicht in diesem Zusammenhang das Denkmalschutzamt für den Erhalt eines solchen postmodernen Gebäudes aktiv geworden ist.

1. Wir haben in unserer Stadt ein vorzügliches Architekturbeispiel der POSTMODERNE
Der Architekt und Architekturtheoretiker Charles Jencks (Die Sprache der postmodernen Architektur) übertrug den Begriff 1970 aus der Geistes- und Literaturwissenschaft auf die Architektur.
Zunächst gab es Bauten in Amerika, die diesem Stil zuzuordnen sind und ab 1980 gelangte diese Architekturform in westlichen Ländern zu großer Bedeutung.
Es ist eine „Architektur der Erinnerung“.
Sie sieht „Tradition“ – hier am Kurhaus der verarbeitete Wiederaufgriff von „Art Deco“ Elementen und Anlehnungen an den „Jugendstil“ – nicht als notwendig zu Überwindendes, sondern die Architekten bedienten sich im Gegensatz dazu gerade vieler historischer Zitate, also Weiterentwicklungen vorhandener Stilelemente.
Dabei entsteht ein gewisser gewollter Eklektizismus.
Die Postmoderne setzt sich vom „Brutalismus“, den Plattenbauten, den Reihenfassaden (wie auch wir sie leider, neben anderen, besonders ablehnenswert auf der Südseite des Fürstenhofs haben) ab, und neigt sich einer „pluralistischeren Grundhaltung“ zu und postuliert (wie übrigens viele historische architektonische Epochen auch) das Motto: „anything goes“.
Der reine Funktionalismus wird abgelehnt. Bauten sollen „Geschichten erzählen“.
Statt „form follows function“ gilt nun: „form follows fiction“. (Quelle: z.T. Wikipedia)

2. Heute gilt diese Art postmoderner Architektur (schon) als „Architekturgeschichte“, die es inzwischen zu erhalten gilt.
Auch deshalb muss hier nach der Stellungnahme des Denkmalschutzes gerufen werden.
Ein solches „postmoderne Zeitzeugnis“ verdient von Bad Wildungen und seinen Bürgern gewürdigt und erhalten zu werden.
Das beste Beispiel ist die gelungene Renovierung des Kurparkcafe´, da diese Art der Bauweise lange Zeit als „Nierentisch-Architektur“ verunglimpft wurde.

3. Eine gute KOMPOSITION
Künstlern, ob Zeichnern, Malern, Bildhauern, Designern oder eben Architekten auch, geht es immer um eine gute „Quantelung“, eine Massenverteilung der Gestaltelemente.
Das geht meistens weit über ein Wiederkehr-Muster, einen Rapport (sich immer wieder wiederholendes Muster, insbesondere auf Geweben), ja sogar über eine Variation hinaus. Das „Viel“ im Verhältnis zum „ Wenig“ bestimmte z.B. auch die Burgbauten, die Englischen Gärten, zum Teil sogar die modernen französischen Ferienanlagen.
Schlösser und Kirchen hielten sich eher an Kongruenz, Spiegelbildlichkeit, ABA Formen, aber auch da oft, das strenge System aufbrechend durch starkes Variieren.
Wenn man sich nun von der Gegenüberseite der Langemarck Straße den gesamten Baukörper des Kurhauses anschaut, ergibt sich eine interessante Massenverteilung insgesamt, ein Beispiel für modernes Bauen! (siehe auch: diverse Museumsbauten, Gehry in Bilbao, Vitra Design Museum in Weil am Rhein, Marta in Herford; Jüdisches Museum von Libeskind in Berlin; preisgekrönter Museumsbau in Korbach).
Alle Baukörper wirken ja zunächst hauptsächlich in der ersten Anmutung von der Fassade her.Und das Kurhaus hat eine solche Fassade, die aus dem Osthang des Kurparks herauswächst – trotz der die Optik durchschneidenden Straße – und den Hang fortsetzend sich an die Straße schmiegt, sie quasi vereinnahmt und in die Gesamtlandschaft integriert.
Als zweites geht es um die Innenraumgestaltung. Hier war eine geniale Designerin am Werk, die in Weiterentwicklung von Jugendstil und Art Deco Elementen ein originelles Gesamtdesign geschaffen hat, angefangen vo Teppich, über Fußboden-Marmordekor, zur Entwicklung interessanter, nur hier vorkommender Beleuchtungskörper, fantastische Fenster mit Bleiverglasung und strukturierende Glastüren mit ähnlichem Dekor.
Und drittens erzeugen die Glashalbrunddächer helle Galerie Gefühle und der Raumzuschnitt insgesamt bietet unterschiedliche Sichtachsen und interessante Ein- und Ausblicke…
Diese gelungene, abwechslungsreiche Fassade, dieser interessant gestaltete Raumzuschnitt und dieses stimmige allumfassende Design durch ein eintöniges, trostloses Rastermuster als bestimmendes Element der Architektur, über mehrere Zehner Meter zu ersetzen, wäre schändlich.

4. Renovieren, weiterentwickeln statt abreißen
Burgen wurden ständig weiterentwickelt. Kathedralen hatten fest installierte Bauhütten, weil man wusste, dass immer etwas zu reparieren war. Kirchen bekamen Anbauten und Ausbauten. Schlösser wurden überholt, die Altstadt Bad Wildungens erlebt Restaurierungsschübe.
Es geht nicht an, nach 40 Jahren ein annehmbares, angemessenes, in seiner Vielfalt ansprechendes Gebäude zu „schleifen“, diese „Handlung verstößt nahezu gegen alle billig und gerecht Denkenden“ und grenzt somit an den rechtlichen Terminus der „Sittenwidrigkeit“.
Der Steuerzahler kann das nicht verstehen, der Bürger sieht ein Stück seiner schön gestalteten „Heimat“ dahinschwinden und der Nutzer dieser Fest-und Feierstätte trauert seinen guten Erinnerungen nach.
Und wie ist es mit der politischen Dimension der „Nachhaltigkeit“ bestellt? Die Definition muss im Zusammenhang mit dem Kurhaus zu denken geben und den Abrissplan stoppen: „Nachhaltigkeit ist ein Handlungsprinzip zur Ressourcennutzung, bei dem die Bewahrung der wesentlichen Eigenschaften, der Stabilität und der natürlichen Regenerationsfähigkeit des jeweiligen Systems im Vordergrund steht.“

5. Zur unseligen Philosophie des Abreißens
Wer bei 3SAT den Bericht über die weitere Architekturzerstörung nach dem zweiten Weltkrieg, im Hinblick auf eine autogerechte Stadt, fast in Vollstreckung der NS-Wiederaufbau- Ideologie nach einem vermeintlichen Sieg, nach einer Vorstellung von „Alles muss neu“ nach dem Kriege, gesehen hat, kann nur diese Denkfehler bedauern.
Manche Bausünden sind inzwischen wieder eliminiert. Unser Kurhaus darf nicht dazugehören.
Dekor-Feindlichkeit führte zu tristen Fassaden, zur öden Totalveränderung. In Bad Wildungen ist die „Parkhöhe“ das Negativ- Beispiel, bei dem nichts mehr zu retten ist!
Erst die Postmoderne entdeckte wieder den Dekor, an griechischem Vorbild anknüpfend, Jugendstil-Elemente weiterentwickelnd, kam sie zu akzeptablen Lösungen. Trostlose falsch verstandene Bauhaus-Raster-, Fabrik- und Schulfassaden (Steinweg Kassel) wichen interessanten, differenzierten Baukörpern, wie auch wir sie haben: Ense-Schule, Heloponte, Rathaus-Ergänzung, und das Kurhaus sind Beispiele für eine gute Architektur nach 1945.
Für den Erhalt eines hochdifferenzierten, architektonisch gelungenen Baukörpers und gegen ein sinnentleertes Abreißen eines solchen, den Kurbereich prägenden Funktionsbau!

5. Eine Kurstadt braucht eine Wandelhalle UND ein Kurhaus.
Aus eigener Anschauung der Bäder Bad Kissingen, Bad Salzuflen und Bad Pyrmont weiß ich, dass diese Kurbäder jeweils eine Konzert-Halle separat, ergänzend zu einer Wandel-Halle haben.
Sie haben nämlich zwei unterschiedliche Funktionen: Zum Einen geht es um überdachtes „Wandeln“, mit Musik im Hintergrund und mit Rastmöglichkeiten auf Stühlen in angenehmer, architektonisch interessanter Atmosphäre. Eine Konzerthalle mit Theater- und Konzertbestuhlung ergänzt das Angebot.
Insbesondere haben die Bürger zu Beginn der Existenz dieses Gebäudes hinsichtlich der Theaterpräsentationen, von Fest- und Feiergestaltung, von Tanzveranstaltungen, von hochkarätigen Konzerten und von Gastronomie partizipiert.
Als zweitgrößtes Kurbad der Bundesrepublik darf Bad Wildungen ein solches stilvolles Raumangebot, eine solche postmoderne Fassade in einem solchen Kurhaus nicht verlieren!

Werner A. Friedrich
Sonderweg 5
34537 Bad Wildungen
05621/3682

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1 Kommentar

  1. Das ist ein sehr guter Beitrag, getragen von Fachwissen, das in der Stadtvertretung offenbar nicht gehört oder verstanden wird. Wie sonst kann man immer noch den Abriss des Kurhauses vorantreiben? Wer verdient eigentlich alles mit am Abriss des Kurhauses und Neubau eines „Schuhkartons“? Die Bürger Wildungens, denen dieses Haus mit dem Arial rundum gehört, haben keinen Vorteil davon.

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