Bad Wildungen: Schonfrist für das Kurhaus

Planungsausschuss berät bis Mitte Juli des Jahres

Das "Neue Kurhaus" - Noch immer fehlt jede Parspektive. (Foto: M. Zimmermann/Archiv))

Vorab zunächst hier die Grundzüge eines einstimmig gefassten Beschlusses der Stadtverordnetenversammlung am gestrigen Montag zum Abriss des Kurhauses:

Der Ausschuss soll den Abrissvorschlag des Magistrats in den nächsten Monaten beraten und in der letzten Sitzung der Stadtverordnetenversammlung vor der Sommerpause am 12. Juli des Jahres berichten. Gegebenenfalls ist dann ein endgültiger Beschluss über den Abriss zu fassen. Der Planungsausschuss erhält hierzu Arbeitsaufträge:

1) Der von Bernhard Weller, dem Kulturbeauftragten der Stadt, moderierte Planungsprozess „Zukunft Bad Wildungens 2030“ soll in seinem aktuellen Planungsstand dargestellt werden. Die Stadtverordneten wollen wissen, ob sich in diesem Planungsprozess Anregungen, Vorschläge oder Perspektiven für die Verwendung des Kurhausgeländes ergeben.

2) Es sollen zudem differenzierte Kosten für den Abriss der drei Teilgebäude (Kurhaus, Badehaus, Therapeutikum) vorgelegt werden. Insbesondere die notwendigen Abdichtungsmaßnahmen für die übrig bleibende Tiefgarage sollen ermittelt werden.

Bürgermeister Ralf Gutheil hatte zuvor berichtet, dass es derzeit zwei Investoren/Interessenten/Projektentwickler für das Kurhaus Areal gibt. Der Rathaus-Chef soll im Ausschuss berichten, ob diese Interessenten ein Entwicklungskonzept haben und wie es konzeptionell aussieht.

Nun einige Streiflichter aus der ausgiebigen Diskussion in der Stadtverordnetenversammlung, die im oben dargestellten Beschluss mündete:

Bürgermeister Ralf Gutheil hielt eine leidenschaftliche Rede für den Abriss. Er warnte die Politiker zuvor, dass er bewusst zugespitzt und provokant formulieren werde. Zunächst legte er dar, dass das Kurhaus seit seiner Stilllegung 3,175 Mio. Euro Defizit aufgehäuft habe. Er und sein erster Stadtrat Hartmut Otto (CDU) seien nicht mehr bereit, die Risiken der Verkehrssicherung zu tragen. Unter Umständen könnten sie persönlich in der Haftung stehen. Nach der langen erfolglosen Suche nach einer Verwendung bezeichnete er das Kurhaus nunmehr als „ein totes Pferd, von dem man absteigen müsse“. Gutheil ging voll in die Offensive und ließ kein gutes Haar am Kurhaus („nicht mehr zu retten, plüschig, muffig, nicht mehr zeitgemäß, nicht multifunktional, für ein jüngeres Publikum unattraktiv“). Wenn der Abriss nicht beschlossen werde, müssten weitere hunderttausende Euro für umfangreiche Sicherungsmaßnahmen vom Stadtparlament genehmigt werden.

Kira Hauser (Freie Wähler) bezeichnete den Abbruch als schwerwiegenden Eingriff in die Kernstruktur der Stadt und des Kurgebietes. Die Möglichkeiten des Bauens im Bestand seien nachhaltiger. Die FW setzten ihre Hoffnungen auf den Zukunftsmasterplan für die Stadtentwicklung.

Marc Vaupel (CDU) betonte, dass das Projekt Kurhaus eine gewisse Tragik aufweise. Als besonderes Objekt sei es gescheitert und das Hotelprojekt müsse auch als gescheitert angesehen werden. Die CDU könne jetzt noch nicht sofort entscheiden, da sie noch offene Fragen habe. Die Haftungsfragen sah der Rechtsanwalt als deutlich weniger dramatisch an als der Bürgermeister („nicht ins Bockshorn jagen lassen“). Die CDU schließe sich insoweit den Freien Wählern an, erst Ergebnisse der Zukunftsplanung abzuwarten. Die CDU habe aber wenig Hoffnung auf eine Lösung.

Thomas Buch (Grüne) meinte, dass alles gesagt sei, „lassen Sie uns abreißen“. An die CDU gewandt fragte er: „Hat es da erneut einen Deal der CDU mit den Freien Wählern gegeben?“

Walter Mombrei (SPD) unterstützte die Position des Bürgermeisters und empfahl, sich nicht von Emotionen leiten zu lassen, die Investoren wollten frei gestalten.

Stefan Schraps (FDP) lobte den Bürgermeister für seine engagierte Rede, empfahl jedoch ebenfalls erst die Ergebnisse der Zukunftsplanung abzuwarten. Ihm schwebe ein Zeithorizont von sechs Monaten vor.

Regina Preysing (Linke) sagte, dass die fehlende Kostendeckung eines Kurhauses kein Argument sei. Schließlich gebe es dafür den sogenannten „Bäderpfennig“. Die Linke stimme grundsätzlich nicht zu, das Gelände an private Investoren zu veräußern, es sei Bürgereigentum und solle es auch bleiben. Es handele sich ansonsten um „die Veruntreuung öffentlicher Gelder“. Sie schlug vor, Bürger und Vereine an einem neuen Konzept für das Kurhaus zu beteiligen, „dann funktioniert es“.

Wolfgang Nawrotzki

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1 Kommentar

  1. Aus dem Kurhaus-Debakel lernen
    Die Stadt Bad Wildungen hat bei der Erhaltung ihres Kurhauses versagt, doch die Schuld beim Rathaus allein abzuladen, ist zu einfach.
    Damit allen noch einmal bewusst wird, worüber entschieden werden muss, sehen Sie sich die Objektbeschreibung aus dem Jahr 2009 an!
    http://www.regionnordhessen.de/fileadmin/redaktion/regionnordhessen.de/dokumente/Investorenservice/Expose_Kurhaus.pdf
    In dem Prospekt wird das Kurhaus „ein exklusives Objekt in bester Lage“ genannt. Seitdem sind 12 Jahre ins Land gegangen. Schon damals wollte man es mit dem Slogan „Jetzt ist der richtige Zeitpunkt für Ihre Investition, weil…“ günstig verscherbeln. Investoren standen jedoch wirklich nicht Schlange.
    Ist nicht die Stadt als Eigentümerin ebenso wie Privatpersonen an das Grundgesetz gebunden? In Artikel 14 (2) steht „Eigentum verpflichtet. Sein Gebrauch soll zugleich dem Wohle der Allgemeinheit dienen.“ Diese beiden Aufforderungen hätten doch eigentlich eine Menge phantasievolle Kreativität entfachen können. Nicht nur im Rathaus, sondern auch bei den Stadtverordneten!
    Doch was passierte stattdessen in dem dutzend Jahren? Nichts, außer Schlüssel umdrehen, abwarten und auf Investoren hoffen. Ergebnis? Bürgermeister Gutheils Resümee „totes Pferd, plüschig, muffig, nicht mehr zeitgemäß, nicht multifunktional, für ein jüngeres Publikum unattraktiv“ markiert die Kriterien einer Generation, deren Architektur- und Einrichtungs-Geschmack überwiegend von Ikea geprägt wurde.
    Ob sich die bedingungslosen Abriss-Befürworter von SPD und Grünen wohl im Grunde überfordert sehen, bleibt ihr Geheimnis.
    Und nun? Es gibt den Planungsprozess „Zukunft Bad Wildungens 2030“. Der Planungsausschuss müsste in Erfahrung bringen, ob und welche Fördertöpfe es seitens des Landes Hessen, vielleicht sogar des Bundes gibt. Eventuell könnte ja dann die für den Abriss veranschlagte knappe Million mit einem solchen erheblichen Zuschuss dafür verwendet werden, im Publikumsbereich nicht nur die Einrichtung sondern auch die Technik wie Elektrik, Sanitär usw. zu modernisieren. Und man könnte die Frage klären, ob nicht in den vormals für medizinische Anwendungen genutzten Gebäudeteilen Wohnungen entstehen könnten. Damit wären auch Einnahmen zu generieren.
    Dann wäre die im Prospekt gepriesene „außergewöhnliche, zeitlos elegante Architektur im Innern“ als Bad Wildungens „gute Stube“ wieder aktuell.

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