Gedenken und Gedanken zum Volkstrauertag

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Lag es am schönen Wetter oder an den aktuellen Corona-Regeln? Es waren am Sonntag nur rund 30 Menschen zum Bad Wildunger Ehrenmal gekommen. Die Ansprache von Bürgermeister Ralf Gutheil zum Nachlesen:

„Sehr geehrte Damen und Herren, es ist November. Ein Monat, der zwei Gesichter hat, die so grundverschieden und gegensätzlich sind. Ein Monat, der den Übergang vom Herbst zum Winter markiert. Der November steht wie kein anderer Monat für den Tod, das Endliche, die Trauer und die Besinnung. Unsere Vorfahren wussten um die Bedeutung des Novembers, wenn die letzten Früchte geerntet sind, es kälter und täglich früher dunkler wird. Die Blätter fallen, Tiere begeben sich in den Winterschlaf, Pflanzen sterben ab, die Natur legt sich zur Ruhe.
Wir brauchen diese ruhige Zeit genauso wie die Natur. Man kann nicht das ganze Jahr Vollgas geben, sich nie besinnen und alles verdrängen, was doch so sehr nach Beachtung und auch Aufarbeitung verlangt. Wir alle brauchen diese Zeit, und wir brauchen das Gedenken und haben ein Recht auf die Trauer. Ganz egal aus welchem Kulturkreis wir stammen und an was wir glauben. Die Trauer um Tod und Verlust, das Entsetzen über Gewalt und die Abscheu davor einen uns.
Der November gilt als Totenmonat: In diesen grauen Wochen liegen die offiziellen Tage für Trauer und Tod: Am Monatsanfang Allerheiligen und Allerseelen, die katholischen Gedenktage; dann der neunte November, der wie kein anderer Tag diese Gegensätzlichkeiten in sich trägt: Die Pogromnacht von 1938 und den Mauerfall in 1989. Am Monatsende der Totensonntag der Protestanten, dazwischen (und damit heute) liegt der Volkstrauertag, der staatliche Gedenktag, der an die Kriegstoten und die Opfer von Gewalt erinnern soll. Diese Tage stehen kalendarisch für eine Kultur der Trauer und Erinnerung, die einst feste Rituale kannte. Unsere Gesellschaft ist vielfältiger geworden und auch unsere Art und Weise, mit Trauer umzugehen. Aber Trauer bleibt Trauer, und Verlust bleibt Verlust. Wo es früher selbstverständlich war, seiner Trauer Ausdruck zu verleihen, sie in gewisser Weise auch auszukosten, so wird uns heute ein „weiter funktionieren“ abverlangt. Wer kennt heute noch die Bedeutung eines Trauerjahres, die damit verbundenen Vorschriften und Bräuche?
Wer früher in Trauer war, der signalisierte dies auch durch seine Kleidung: “Ich trauere, ich habe einen schmerzlichen Verlust erlitten. Ich kann und mag nicht so funktionieren, wie man es von mir gewohnt ist. Respektiert das bitte, zwingt mich nicht fröhlich zu sein, wo ich gerade nicht fröhlich sein kann.“ Die Mitmenschen erkannten eine Person „in Trauer“ schon von weitem und verhielten sich entsprechend respektvoll. Und der Trauernde hatte Zeit, seinen Verlust zu verarbeiten. Heute ist das anders. Die Welt scheint sich immer schneller zu drehen. Wir sollen dynamisch sein, erfolgreich, immer gut drauf – so wird uns suggeriert und das wird auch oft von uns erwartet und auch gefordert. Für öffentliche Trauer bleibt da kein Platz mehr. Wir trauern oft still, einsam und in uns hinein. Und diese Einsamkeit tut weh, macht die Trauer noch schwerer zu ertragen.

Der Tod kommt auf Bildschirmen und Displays zu uns, wird als Nachricht abstrakt, wegklickbar. Und wenn er in unserem Umfeld zuschlägt, sind wir verwirrt, verstört und wissen nicht, was mit uns geschieht. Und entsetzt stellen wir fest, dass es In der Realität keine Ersatzleben auf Vorrat gibt, und der Tod keinen Knopf für einen Neustart hat. Wen wundert es da, dass viele Menschen, und besonders die jüngere Generation, den Tod nicht mehr begreifen können? Da ist ein staatlicher Trauertag nur eine störende, unverständliche Einschränkung mehr, wenn es Feierverbote gibt. YOLO – You only live once. Du lebst nur einmal. Das ist das Motto. Der Tod hat da keinen Platz, und die Trauer ebenfalls nicht.
Gerade aktuell sind wir durch eine Reihe von Regeln sowieso schon Einschränkungen unterworfen. Und dann auch noch ein verordneter Trauertag? Muss das sein? Ich sage: Ja. Aber wir sollten diesen Tag als Geschenk annehmen und nicht als lästige Übel eines „stillen“ Gedenktages. Wir sollten uns besinnen, nicht nur der Opfer von Tod und Gewalt gedenken, sondern auch an deren Hinterbliebene und nicht zuletzt auch an die Ursachen, die zum Tod zahlloser Menschen geführt haben. Und wir sollten an die Menschen denken, die wir verloren haben, die wir vermissen. Wir haben das Recht, uns zumindest an einem Tag ganz unserer Trauer hingeben zu dürfen, auch wenn man uns unsere Trauer oft nicht ansieht und wir sie nicht mehr sichtbar nach außen tragen.
Volkstrauertag. Was für ein gewichtiges Wort. Ein Volk trauert. Ein Volk sind wir alle in unserem Land, alle gemeinsam. Der Volkstrauertag wird traditionell am zweiten Sonntag vor dem 1. Advent begangen. 1922 zum Gedenken an die Toten des Ersten Weltkrieges eingeführt, wurde er im dritten Reich (wie so vieles) politisch vereinnahmt und missbraucht. Erst 1952 wurde er wieder als nationaler Trauertag begangen. Seitdem gilt dieser Tag nicht mehr nur den Kriegsopfern, sondern auch den ungezählten Toten von Gewalt, Terror und Blutvergießen.
Und umso wichtiger ist es, dass wir diesen Tag gemeinsam begehen. Denn er betrifft jeden von uns. Indirekt oder oft auch direkt. Und daran sollten wir denken, wenn wir in dieser ruhigen Zeit still zusammenkommen. Wenn wir an diesem Tag die Hektik des Alltags beiseiteschieben, uns nicht ablenken lassen und in Geist und Herz Platz machen für die, die wir vermissen, die wir betrauern und derer wir gedenken wollen. „Im Tod sind alle gleich“, sagt man so leicht daher. Und es stimmt. Jedes Opfer von Krieg und Gewalt ist ein Opfer und dazu eins zu viel. Etwas, was es in einer zivilisierten Gesellschaft nicht geben sollte, nicht geben dürfte. Die täglichen Meldungen von Gewalt, die Ströme von Flüchtlingen, Auslandseinsätze unserer Soldaten, belehren uns eines Besseren. Dieser Gedenktag hilft uns, tröstet und bringt uns alle auch näher zusammen. Geteiltes Leid ist halbes Leid, und geteilte Trauer verbindet. Denn in der Trauer sind wir alle gleich. Und wir brauchen Trost. Über Grenzen, Nationen und Glauben hinweg.
Wenn wir so zusammenrücken, uns gegenseitig Trost geben, dann denken wir an die, die ums Leben gekommen sind, die wir betrauern und vermissen. Aber wir schauen auch nach vorn. Schauen in Richtung Dezember. Die Tage werden zum Jahresende wieder länger, die Sonne steigt höher. Wir suchen den Weg aus der Dunkelheit zum Licht, vom Tod zum Leben. Wenn wir in der Trauer vereint sind, sind wir das auch in der Freude. Und gemeinsam können wir das erreichen, was diesen Gedenktag vielleicht irgendwann einmal in seiner momentanen Bedeutung unnötig werden lässt. Dem Gedenken an Opfer von Krieg, Hass und Gewalt.
Wenn wir alle zusammenstehen, uns gemeinsam gegen die Ursachen für all das Leid stemmen, Frieden stiften, anstatt den Hass zu kultivieren, dann sehen wir nach vorn und aus der Dunkelheit ins Licht. Lassen Sie uns diesen Tag ganz bewusst nutzen und auch in gewisser Weise auskosten. Frieden und Versöhnung sind das, was wir brauchen. Und jeder von uns kann dazu ein kleines Stück beitragen. Das sind wir nicht nur den Toten schuldig, sondern auch uns und besonders allen, die nach uns kommen werden. Dann wird aus Trauer eines Tages friedvolle Erinnerung.

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