Museumsleiter Rudolf Lorenz und seine NS-Vergangenheit

Gastbeitrag von Manfred Hülsebruch, ehemaliger Archivleiter

Rudolf Lorenz am 30.4.1976 bei der Artefaktsuche Foto: Manfred Hülsebruch

Der Gastbeitrag Manfred Hülsebruchs beschäftigt sich mit dem Verdacht, dass Ausstellungsgegenstände im Heimatmuseum Bad Wildungen widerrechtlich im Zusammenhang mit der Judenverfolgung dorthin gelangt sein könnten.Er geht darauf ein, ob der ehemalige Museumsleiter Rudolf Lorenz etwas damit zu tun haben könnte.

Unversehens mit der Schlagzeile in der Wald. Landeszeitung vom 11. Februar 2022 und der Annahme, Ausstellungsgegenstände im Heimatmuseum der Stadt Bad Wildungen aus vormals jüdischem Besitz entsprängen der widerrechtlichen Wegnahme im Verlauf der Judenverfolgung in den dreißiger Jahren des letzten Jahrhunderts,
sie seien demzufolge der Raubkunst zuzuordnen, gerät der Lebenslauf des ehemaligen Buchhändlers und Druckers Rudolf Lorenz in das Blickfeld in der Absicht, ihm als ehrenamtlichem Leiter des Heimatmuseums nach1945 die Beschaffung der Gegenstände anzulasten. Darüber hinaus taucht in dem Satz „Gleichwohl stellt sich die Frage, welche innere Haltung Lorenz nach dem Krieg bezog und wie diese vielleicht Einfluss nahm auf die Ausrichtung des Stadtmuseums, das er leitete“ ein euphemistischer Begriff „innere Haltung“ auf, der in der Sprache des Dritten Reiches an „Gesinnungsprüfung“ erinnert, wie ihn die Blockwarte bei ihren Besuchen der ihnen zur Überwachung zugewiesenen Haushalte zu verwenden pflegten.

Die Geschichte zeigt, dass in Zeitläuften von etwa siebzig bis achtzig Jahren, also nach drei Generationen, Umbrüche stattfinden, in denen vergleichbare Umstände in abgewandelter Form wiederkehren, auch wenn die dazwischen liegende Zeit von einem „Nie wieder“ gekennzeichnet war. Befinden wir uns heute erneut in einer solchen Phase?
Worauf begründet sich der Verdacht? Es sind keine schriftlichen Nachweise vorhanden. Der anonym bleibende Hinweisgeber glaubt, die Chronik der NSDAP-Ortsgruppe Bad Wildungen, die Jahre 1923 bis 1933 umfassend, geschrieben 1938, heranziehen zu müssen, in der aus den Jahren 1921 bis 1923 über den jugendlichen Rudolf Lorenz, geboren 1906, als begeistertem Anhänger Adolf Hitlers berichtet wird. Die NSDAP wurde bekanntlich nach dem Putsch vom 09. November 1923 verboten. Die Partei zerfiel. Sie wurde am 27. Februar 1925 neu gegründet. Da wird Lorenz’ Name wie auch in späterer Zeit nicht mehr genannt.
Erst 1954 mit der Wiedereinrichtung des Heimatmuseums im Erdgeschoss des seit 1944 als Notwohnung für Evakuierte und Flüchtlinge in Anspruch genommenen Gebäudes Lindenstraße 9 erscheint Rudolf Lorenz in der Öffentlichkeit. Sein Engagement im Ehrenamt für diese kulturelle Einrichtung der Stadt Bad Wildungen in den darauffolgenden 16 Jahren ging so weit, dass darunter sein kleiner Gewerbebetrieb der Buch- und Schreibwarenhandlung nebst der Druckerei im Haus Brunnenstraße 18 wirtschaftlich litt. Allein seine spätere Ehefrau sicherte ihm das finanzielle Überleben. Ihm zuliebe gab sie ihr Rektorenamt an einer Schule in Nordrhein-Westfalen auf, um in Bad Wildungen als Grundschullehrerin in niederer Besoldungsgruppe zu arbeiten. Sie erwarb käuflich den Burgmannensitz in der Schlossstraße zu Altwildungen, der heutigen Heimstatt der von ihr 1980 gegründeten und nach Rudolf Lorenz benannten Stiftung.

Seiner deutschnationalen Einstellung blieb Lorenz zeitlebens treu. Den Zielen des 1881 gegründeten Allgemeinen Deutschen Schulvereins, der Namensänderungen 1908 in Verein für das Deutschtum im Ausland Schulverein e.V., 1933 in Volksbund für das Deutschtum im Ausland, 1955 nach Wiedergründung in Verein für das Deutschtum im Ausland vollzog, stand er nahe. Die von Lorenz angelegte Bibliothek über Publikationen des Vereins, heute Bestandteil der Rudolf-Lorenz-Stiftung, legt darüber Zeugnis ab. Der seit 1998 den Namen „Verein für Deutsche Kulturbeziehungen im Ausland e.V.“ führende Verein stellte seine Tätigkeit zum 30. Juni 2019 ein. Politisch war Lorenz nach 1923 nicht mehr tätig.
Seine mehr als zehnjährige Mitgliedschaft in der Kulturkommission der Stadt Bad Wildungen in den sechziger Jahren begründete sich aus der Wahrnehmung des Ehrenamtes als Leiter von Heimatmuseum und Stadtarchiv.
Der Bezirksgruppe Bad Wildungen des Waldeckischen Geschichtsvereins widmete Lorenz gemeinsam mit Karl Morlang große Aufmerksamkeit, Die Rückkehr seines um zwei Jahre jüngeren Schulkameraden Professor Dr. Theodor Schultheis in die Heimatstadt erwies sich als Glücksfall für den Verein.
Die Heimatforschung blieb Lorenz’ Leidenschaft. Sobald eine Person ihn auf Geschichte, archäologische oder geologische Fragen und Funde ansprach, war er sofort bereit, seinen Laden zu verlassen und den Ort des Ereignisses aufzusuchen. So war er häufig in kleiner Gesellschaft oder allein auf Äckern in der Feldflur, auf Wiesen und in Wäldern im gesamten Kreisteil der Eder mit nach unten geneigtem Kopf zu sehen.

Auch Jugendliche wusste er für die im Unterricht der Schulen nicht vorkommenden geschichtswissenschaftlichen Themen auf lokaler Ebene mit den in seinem Haus und im Heimatmuseum hinterlegten Sammlungen neolithischer Werkzeuge, Abschlägen und Funden, Teil der Grundlagen der nach ihm benannten Stiftung, zu begeistern. Seine aus früherer Mitgliedschaft bei der bündischen Jugend der Adler und Falken herrührenden Vorstellungen und Wünsche gemeinsamen Miteinanders führten ihn mit alten Freundinnen und Freunden, der Jugendgruppe des Bundes für Volkstum und Wandern und der Deutschen Wanderjugend zusammen. Sein Geburtstag am 30. April war seit Mitte der fünfziger Jahre obligatorischer Anlass eines Zusammentreffens alter und zeitiger Mitglieder der Gruppe mit Gesang, Gitarrenbegleitung und Austausch von Erinnerungen bis zu seinem Lebensende, sogar bis zum Tode seiner Witwe im Jahr 2010. So lernten sich häufig durch Zufall Angehörige Wildunger Generationen unterschiedlichen Alters kennen, um anschließend freundlichen Umgang miteinander pflegen zu können.
Teilnehmer vernahmen Erlebnisse als Soldat während des 2. Weltkriegs in der Ukraine, Russland und Italien, die dabei gesammelten Erkenntnisse, von seinen Bemühungen, die jeweilige Landessprache so schnell in dem Umfang zu erlernen, um sich im alltäglichen Umgang mit Einheimischen zu verständigen und für ihn Unbekanntes zu erfahren.
Er folgte dem Vorschlag, den Ort in Italien zu besuchen, in dem er als Wehrmachtssoldat einquartiert war. Kaum zu beschreiben ist die Lorenz beim Besuch entgegenkommende Freude und überschwängliche Begrüßung beim Wiedersehen nach 25 Jahren in der Poebene.
Aus alledem fügte sich der Grund für seine Nachfolge in Heimatmuseum und Stadtarchiv, begünstigt durch das Interesse an Kultur der von außerhalb nach Bad Wildungen gewählten Bürgermeister. Er ließ es sich auch nicht nehmen, an seinem siebzigsten Geburtstag am 30. April 1976, nachdem er aus den Händen des Landrats die Verdienstmedaille der Bundesrepublik Deutschland empfangen hatte, die Festgesellschaft vorübergehend zu verlassen und sich zur Erholung für eine Stunde auf die Suche nach Halbedelsteinen in die Feldgemarkung zu begeben.
1971 zog er sich still aus seinen Ehrenämtern zurück und widmete sich seinen Sammlungen und Studien im Burgmannensitz. 1978 verunglückte er gemeinsam mit seiner Ehefrau im Pkw beim Zusammenstoß mit dem Personenzug auf dem Bahnübergang in Anraff. Er starb am 18. Oktober 1979 in seiner Wohnung. 43 Jahre nach seinem Tod politisch an einer Jugendsünde gemessen zu werden, muss er sich nicht mehr vorhalten lassen.
Deshalb, frage die Alten, eh’ sie erkalten und verlasse dich nicht auf Vermutungen Fremder.
Zur Beschaffung der auf der ersten Seite der Ausgabe der WLZ abgelichteten Ausstellungsgegenstände ist der vormalige ehrenamtliche Museumsleiter, Studiendirektor a. D. Dr. Volker Brendow, bereit, Auskunft zu geben.
Manfred Hülsebruch
Bad Wildungen

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