Ein Krimi mit dem Titel „Geschichte des Stadtarchivs Bad Wildungen“

Besprechung der 62-seitigen Broschüre des Wildungers Manfred Hülsebruch

Repertoriumskartei Stadtarchiv Bad Wildungen Kasten 1

Manfred Hülsebruch war über Jahrzehnte in leitender Position der Stadtverwaltung Bad Wildungen tätig. Daneben war er zwischen 1970 und 2017 mit Leidenschaft mit der Pflege des Archivs beschäftigt. Dabei hat er ein enormes Wissen erworben und Unglaubliches erlebt.

Dies alles hat er nun in einer Broschüre mit dem aus meiner Sicht viel zu harmlosen Titel „Geschichte des Stadtarchivs Bad Wildungen“ zusammengefasst. Ich hatte eigentlich eine eher trockene Lektüre erwartet. Beim Lesen kam sie mir immer mehr wie ein Krimi vor: Wären es nicht Dokumente, sondern Menschen, von denen da geschrieben wird, dann könnte man von Mord, Totschlag und Entführung sprechen. Besonders oft kommen Wasserleichen vor.

Die Mörder, Totschläger und Entführer, aber auch die Retter und Ermittler werden namentlich genannt und sind so manchem Wildunger durchaus bekannt.

Die Rollen der Beteiligten sind nicht selten fragwürdig, grenzen ans Illegale oder gehen darüber hinaus. Trotz der rationalen Schilderung der teilweise unglaublichen Vorgänge, die bis in die Gegenwart reichen, wird es Lesern dieser Lektüre schwerfallen, eigene Emotionen zurückzuhalten.

Wegen fehlender Fachkenntnis kann diese Buchbesprechung keine Rezension in strengem Sinne sein; der geneigte Leser mag selbst beurteilen und kritisieren.

Hülsebruchs Geschichte des Stadtarchivs beginnt in seiner (im Eigenverlag herausgegebenen) Broschüre im Jahr 1846, also dem Jahr des Planungsbeginns zum neuen Rathaus.

Er beschreibt darin die Personen, die sich älteren Akten, Urkunden und Rechnungsregistern von Stadtverwaltung und Kirchenkasten von Nieder Wildungen auf Dachböden annahmen, sie sichteten und versuchten, sie wissenschaftlich zu ergründen. Anschließend wurden sie wieder so deponiert, dass sie aus dem Bewusstsein verschwanden oder sogar dem Schicksal der Vernichtung anheim fielen.

Erst nach und nach entwickelte sich die Erkenntnis, ein Gedächtnis in Schriftform zu besitzen, aus dem zugleich Rückschlüsse und Folgen für die zukünftige Entwicklung der Stadt zu ziehen waren. Zugleich erkannte man die Notwendigkeit, diese vorwiegend auf Papier stehenden Hinterlassenschaften vorausgegangener Generationen in eine Ordnung zu bringen, um sie wieder aufzufinden und nutzbar zu machen. Auf diese Weise erwarben sich die genannten Personen in der Stadt ein hohes Ansehen. Die damit verbundenen Lernvorgänge waren mit Verlusten verbunden. Den heutigen Betrachter der Materie darf dies nicht verwundern, auch nicht der Umstand, dass persönliches Interesse, Nachlässigkeit und Eigennutz, verbunden mit gehöriger Neugier, zur Entnahme von Archivalien und deren weitere Verwahrung an unbekannt bleibenden Orten führten.

Die Recherchen Hülsebruchs mit Altregistraturen der Stadtverwaltung über einen zurückliegenden Zeitraum von 120 Jahren brachte allerdings wenig Berichtenswertes hervor.

Erst die von Bürgermeister Rodemer in den sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts ergriffene Initiative gab den Anlass zur Trennung der räumlich zusammengepferchten Aufgabengebiete Heimatmuseum und Stadtarchiv. Dieser Vorgang ist bis heute noch nicht abgeschlossen.

Der Gymnasiallehrer Dr. Volker Brendow (Museum) und der Verfasser Manfred Hülsebruch (Archiv) bestimmten in den folgenden vierzig Jahren in ihrer Freizeit und jeder auf dem ihm zugewiesenen Gebiet die Geschicke der Einrichtungen, Hülsebruch darüber hinaus weitere sieben Jahre nach seinem Eintritt in den Ruhestand.

Parallel zur Arbeit führten Anfragen zu weiteren Forschungen und Publikationen. Der Leserschaft wird durch diese Erzählungen ein tiefer Einblick in die zu bewältigenden Abläufe vermittelt. Dazu zählen auch u.a. die Beseitigung der Schäden, die durch eingedrungenes Wasser und Abwasser in Archivräume entstanden waren. Dann ging es um den Erhalt des Papierbestandes und die Rettung vor Zerfall. Die Sorgen um Restaurierung und Sicherung gingen einher.

Häufig mussten sogar Notbergungen durchgeführt werden, das sind Neuaufnahmen zur Vermeidung drohenden Verlusts. Zudem gab es Auseinandersetzungen mit Nutzern, die Ansprüche auf Vorlage noch den Schutzfristen unterliegender und zudem noch nicht erschlossener Archivalien erhoben.

Hülsebruch verzichtete auf streng kalendarisch verlaufende Schilderung zugunsten einer lebhaften und spannenden Lektüre, die den von mir so empfundenen Krimi-Charakter ausmacht.

Der Leserschaft werden zudem bis ins Detail gehende Einblicke in Vorgänge geboten, die 2017 schließlich zum Ausscheiden Hülsebruchs führten. Vielen von uns ist der Grund dafür noch bekannt: Die „persönliche Interessenlage“ des damaligen Bürgermeisters Volker Zimmermann im Zusammenhang mit der Einstellung seines Sohnes.

Das Tüpfelchen aufs „i“ machte die Beschreibung des Stadtarchivs Bad Wildungen auf der Internetplattform des in Hessen und Niedersachsen eingeführten Archivinformationssystems „Arcinsys“ aus: Es enthält einen mit Fehlern behafteten Text, und es verschweigt den Namen der Person, die diese Einrichtung die längste Zeit betreut hatte.

Letztlich trug dieses auch zum Verfassen der Broschüre bei.

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