Am Sonntag dem Meister des Modellbaus über die Schulter schauen

Sonntag, 5.September 2021: letzter Ausstellungstag BALNEA in der Bad Wildunger Wandelhalle

Modellbauer Andreas Pockrandt gibt dem Fürstenhof den letzten Schliff. (Fotos: Manfred Zinke)

„Morgen werde ich mit dem Fürstenhof fertig werden!“ Andreas Pockrandt schaut am Vortag des Ausstellungsendes zuversichtlich auf sein riesiges Modell, die Kleberspritze in der einen, ein filigranes Geländerstückchen in der anderen Hand. Die Besucherinnen und Besucher werden ihm also auch noch am letzten Ausstellungstag über die Schulter schauen können, wenn er die letzten Feinheiten dieses monumentalen Kunstwerks ausschneidet und präzise anklebt. Dabei wird rasch klar, dass sich sein zeitlicher Aufwand für das Modell Fürstenhof in der Größenordnung Monate bewegt hat.

Der gelernte Krankenpfleger hatte in den Neunzigern noch auf Intensivstation und als Rettungssanitäter gearbeitet. Als Ausgleich zu dieser auch seelisch belastenden Arbeit diente damals schon der Modellbau als Hobby. Schließlich musste er dann aber wegen eines Rückenleidens aufgeben. Der Not gehorchend hatte er sein Hobby Modellbau zum Beruf gemacht: Schon als junger Mann hatte er eine kleine Schiffsflotte aus Streichhölzern gebaut. Heute benutzt er u.a. 0,8 mm dünnes in 3 Schichten verleimtes Birkenholz.

Jedem seiner Modelle in der Ausstellung sieht man die Liebe zum Detail an. Der Neu Isenburger hat Wildungen zu seiner Wahlheimat gemacht. Der bald scheidende Kulturdezernent Bernhard Weller und er haben leider viel zu spät zusammengefunden, meint Pockrandt mit Bedauern. Der habe ihm zu vielen Auftragsarbeiten verholfen, die in der Ausstellung zu sehen sind. Ob er nicht auch ein Modell des Kurhauses bauen wolle, bevor die Abrissbirne kommt?

Nein, moderne Architektur sei nicht so sein Ding. Es gäbe hier noch so viele wunderschöne alte Häuser, etwa die von Göbel oder Dr. Klose, die der 62-jährige Modellbauer viel lieber realisieren wolle.

Wildunger Synagoge, erbaut 1913/14, zerstört 1938; Modellbau Andreas Pockrandt, M.1:50

83 Jahre nach der Zerstörung der Wildunger Synagoge erinnert heute nur noch eine Wandtafel an diese dunkle Zeit der deutschen Geschichte. Das Modell der Synagoge – auch von Andreas Pockrandt gefertigt – kann so ein wenig die Erinnerung wachhalten und dazu beitragen, die Menschen zu sensibilisieren.

House of One auch in Bad Wildungen?

Der Wildunger Architekt Bernd D. Gehring hat den Plan zum „Gotteshaus für die Anderen“ entworfen, Andreas Pockrandt baute das Modell.

Am Petriplatz in Berlin Mitte ist für 2025 die Eröffnung des „House of One“ (Haus des Einen) geplant. Dabei handelt es sich um die Realisierung der Idee eines Gebetshauses mit 3 Gebetsräumen für muslimische, jüdische und christliche Gläubige. In der Mitte befindet sich ein zentraler Raum der Begegnung. Dieses Konzept soll der Verständigung unter den drei monotheistischen Religionen dienen.

Bei der Grundsteinlegung sprach Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble von einem „Ort der Toleranz und Offenheit“.

Im BALNEA-Ausstellungstext heißt es: „In einer Zeit, in der religiöse Glaubensbekenntnisse Andersdenkender an vielen Orten zur Bedrohung geworden sind, oder als solche empfunden werden, ist ein friedliches tolerantes Miteinander Voraussetzung für ein offenes Gemeinwesen.“ Und weiter: „Wäre es nicht eine wundervolle Vorstellung, wenn das sogar hier in Bad Wildungen geschehen könnte, bevor es in Berlin passiert, wo das gleiche Projekt diskutiert wird ?“

Hat Ihnen unser Artikel gefallen?