Zur Diskussion – Mahnung eines Wildunger Architekten

„Blickwinkelkorrektur“

Modell des einstigen Kurhauses. Foto: Andreas Pockrandt

Liebe Leserinnen und Leser! Weil die WLZ den folgenden Leserbrief nur unvollständig abdruckte, bringen wir ihn komplett und hoffen, dass er oft kommentiert wird.

Im WLZ-Artikel vom 12.07.2018 zur Ausstellung „101 Häuser“ beschreibt der verantwortliche Redakteur Matthias Schuldt die Bebauung des Kurhausgeländes um 1900. Allerdings zieht er völlig unsachgemäße Schlussfolgerungen aus den historischen Gegebenheiten. Den Blick für Veränderungen weiten ja, aber bitte mit fachlich präziser Sichtweise.
Um welche Aspekte geht es beim möglichen Abriss des Neuen Kurhauses in Bad Wildungen? Einerseits um den Städtebau, andererseits um die Objektplanung und übergeordnet den Bebauungsplan, nämlich die Art der baulichen Nutzung eines Stadtgebietes.

Zum Städtebau: Redakteur Schuldt schätzt in seiner Betrachtungsweise das gründerzeitliche Architekturensemble aus Altem Kurhaus mit offener Gangverbindung über einen Freiraum zum Hotelkomplex des Europäischen Hofs an der Langemarckstraße auf eine Längenabwicklung von ca. 100 Metern und rechtfertigt damit die etwa dementsprechende Größe des geplanten Hotels. In seiner Argumentation pro Abriss Kurhaus setzt er hierbei auf eine wirkungsgleiche Stadtbilderscheinung durch die Neubauplanung. Falsch – dem ist fachlich entschieden zu widersprechen. Der Versprung einer doppelt so großen Baumasse (Altes Kurhaus) um 20 m nach hinten mit Freiraum zur halb so großen Baumasse (Europäischer Hof) im Vordergrund ergibt einen völlig anderen Eindruck als ein vergleichbar zusammengesetzter Baukörper gleicher Größe und Länge entlang des Straßenverlaufs. Hinzu kommt auch noch die seinerzeit atmosphärisch wirksam ausstrahlende kleine Baumallee vor dem historischen Ensemble.

Zur Objektplanung: Das derzeit noch unbekannte Fassadenbild der Hotelneubauplanung lässt sich lediglich aus der vorgestellten Konzeptstudie „modern zeitgemässe Hotelarchitektur“ ableiten und vorstellen. So -?- oder So -?-. Der Maßstab hinsichtlich der Qualität der historischen Vorgängerbauten bis in die Gegenwart mit ihren reichhaltigen Stil-, Material- und Formelementen ist der selbst formulierte Anspruch der Projektentwicklung, DAS HOTEL der Stadt und Region Bad Wildungens zu werden. Bleibt zu hoffen, dass dies innen wie außen in einem Umfeld umgesetzt wird, welches von hochrangigen Vorgaben wie den Gebäuden Fürstenhof, Quellenhof und den denkmalgeschützten Bauten der Hufeland- und Langemarckstraße geprägt ist.

Zum Bebauungsplan: Für den geplanten Hotelneubau und die acht Stadtvillen zum reinen Wohnen muss der rechtskräftige Bebauungsplan geändert und als „Fläche für den Gemeinbedarf“ entwidmet werden. Das ursprüngliche Ziel unter der Maxime Kurort-Entwicklung diesen Bereich als Kurviertel weiter zu entwickeln scheint für die politisch verantwortlich Handelnden nicht mehr zu gelten. Das symbolspendende Gebäude einer Kurstadt, nämlich das Kurhaus, soll abgerissen und in seiner Funktion ersatzlos aufgegeben werden.
Bei einer Stadtentwicklung ausschließlich den absoluten Vorstellungen von Investoren zu folgen ist der falsche Weg und führt in die Beliebigkeit nicht zuletzt auch im Erscheinungsbild einer Stadt. Investoren für eine konsequente Kurstadtentwicklung JA.
Ein Hotel und hochwertiges Wohnen JA – aber warum gerade an dieser kostbaren Stelle mit seiner besonderen Stadtbildfunktion als Kurviertel – NEIN !
Das wäre das verkehrte Signal für die Zukunft dieser immer noch einzigartigen Kurstadt.

(15.7.2018) Dipl.-Ing. Bernd-D. Gehring